Tag der offenen Tür

Samstag, 1. Juni 2013, 10 - 16 Uhr, Ort: HPS

 

Oh welch ein Pech! Gerade heute regnet es in Strömen – aber ich gehe ja in ein Haus, werde die Räumlichkeiten der HPS besichtigen. Freundlich werde ich mit einem Willkommensdrink, einer Obstbowle, empfangen, man möchte mich zu einer Süssigkeit überreden, aber ich möchte mich zunächst orientieren. Das geht bestens mit dem Foto-Postenlauf: „Kennst du die HPS?“, der für die Kinder bereit liegt und mit dem sich meine zwei Enkelkinder auf den Weg machen, natürlich mit einem bunten HPS-Ballon in der Hand.

Doch kann ich sie nur kurz begleiten, der Festakt beginnt. Langsam füllt sich das Festzelt, den aufgeweichten Boden scheint niemand zu stören. Regenkleider beherrschen das Bild, die Stimmung ist aufgeräumt, man kennt und begrüsst sich. Eine grosse Gästeschar hat sich schliesslich versammelt, die von Margrit Wahrstätter freudig begrüsst wird. Viel Prominenz aus Kanton, Gemeinde und von Behörden wird gewürdigt, aber auch die Mitarbeitenden der Schule kommen nicht zu kurz.

Der Landammann Alex Hürzeler hat es sich nicht nehmen lassen, an diesem Jubiläumsfest dabei zu sein, zumal er selber an diesem Tag Geburtstag hat. Mit 120 Schülerinnen und Schülern ist die HPS Wettingen die grösste Schule ihrer Art und deshalb einzigartig – ebenso wie Wettingen selber, das trotz seiner über 20‘000 EinwohnerInnen partout keine Stadt sein will, fügt er schmunzelnd an. Mit der Errichtung der ersten Heilpädagogischen Schule im Kanton gelang Wettingen eine Pioniertat, der mit der Erweiterung durch die ARWO eine weitere folgte. Und schliesslich wurden in Wettingen zum ersten Mal SchülerInnen einer HPS dezentral in die Volksschule integriert, und die HPS Wettingen liess sich als erste derartige Schule extern evaluieren. Stets standen bei allen Entwicklungsschritten die Schüler und Schülerinnen im Zentrum. Die daraus entstandene Kultur sei spürbar in der Gemeinde, bei den Eltern und bis ins Departement hinein. – Mit warmem Applaus dankt das Publikum dem Festredner.

Der nächste Redner ist seit der Entstehung mit der HPS verbunden: Heiner Studer, Vizeammann von Wettingen. Gern erinnert er sich an die erste Lehrerin, Susanne Schälkli, eine wahre Powerfrau. Für ihn als Politiker waren die mit der HPS verbundenen Geschäfte jeweils Highlights, denn stets ging es um die Sache, nie aber um den Grundsatz, dass behinderte Menschen ein Recht auf Unterstützung und Bildung haben. Ein Höhepunkt war schliesslich die Volksabstimmung zum Neubau der HPS, welcher überwältigende Dreiviertel der Stimmbevölkerung zustimmten.

Schliesslich meldet sich mit Kirsten Ernst die Schulpflege zu Wort. Die HPS darf stolz sein auf ihre lange Tradition, während der sie sich zu einem eigentlichen Kompetenzzentrum entwickelt hat und zum Inventar der sozialen und Bildungseinrichtungen von Wettingen gehört. Während ihrer Besuche erhielt sie immer wieder starke Eindrücke zu der  anspruchsvollen Arbeit mit den Kindern, bei denen die Unterschiede zum Teil riesig sind. – Ein letzter Glückwunsch und Dank runden die kurzweiligen Reden ab.

Ich verzichte auf den Apéro, denn von den Räumlichkeiten habe ich immer noch nicht viel gesehen. Die Gänge haben sich unterdessen gefüllt, Eltern mit Kindern, Ehemalige, Jung und Alt. Ich begebe mich auf den Rundgang und erlebe, dass das Gebäude tatsächlich als Rundlauf angeordnet ist. Ich schaue in lichte Klassenzimmer mit hellen, zweckmässigen Möbeln, bunten Zeichnungen und vielen Schul- und Spielmaterialen. Hier kann spielend gelernt werden. Wie in der Volksschule gibt es einen TW- und Werkraum und die Hauswirtschaft, alles auf kleine Lerngruppen ausgerichtet. Ausstellungsstücke zeugen vom handwerklichen Geschick der Kinder, in der Küche duftet es fein, und das ausgelegte Muffins-Rezept – als Bild und als Text – möchte man gleich nachbacken. – Im Werkraum spricht mich eine junge Frau an und fragt, ob ich für eine Zeitung arbeite. Ich erkläre ihr meinen Auftrag und erkundige mich meinerseits nach ihrem Daseinsgrund. Freudestrahlend stellt sie mir ihren Mann vor, der in der HPS die Schule besuchte und nun den Erinnerungen nach geht. Es stellt sich heraus, das er einer der interviewten Ehemaligen ist, die in der Ausstellung im Erdgeschoss von ihrem Leben erzählen. „Wie schön, nun haben Sie nicht nur ein Hörbild von meinem Mann, sondern auch ein richtiges!“ strahlt die junge Frau. Eine schöne, berührende Begegnung.

Nun gelange ich in den Therapietrakt, und ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Da gibt es Räume für Eurythmie, Rhythmik, Physiotherapie, einen Liegeraum und ein Badezimmer. An alles ist gedacht, um den verschiedenen Behinderungen unterschiedlichen Grades gerecht zu werden. Unterdessen haben sich die Enkelkinder wieder zu mir gesellt, und gemeinsam entdecken wir den Snoezelenraum, für die beiden das schönste Zimmer. Leise auf dem Wasserbett schaukelnd vernehmen wir verschiedene Musik, bestaunen die Lichteffekte und lassen uns alles erklären. Nun haben die Kinder nur noch einen Wunsch: Ein Wasserbett!

Zuhören und Schauen haben hungrig gemacht. In der Aula verpflegen wir uns mit feiner Penne, die Kinder nehmen lieber einen Hotdog. Man setzt sich, wo Platz ist, kommt schnell ins Gespräch. Alles ist geschmückt und heraus geputzt, man fühlt sich wirklich willkommen. – Zurück in der Halle unterschreibt mein Mann am Stand von Insieme gerade seine Mitgliedschaft – eine gute Sache.

Wir sind noch nicht ganz fertig mit dem Rundgang – draussen wartet die Tiertherapiestation mit zwei Rössern, einem Esel, verschiedenen Hühnern. Sie gehören zu einem Bauernhof, den die Klassen regelmässig besuchen. Dort werden auch Projekte durchgeführt wie Äpfeleinsammeln, die anschliessend zu Most verarbeitet werden. Die jungen Hühner wurden sogar in der HPS ausgebrütet, und bei ihren Besuchen auf dem Bauernhof können die Kinder ihre Fortschritte beobachten. – Tiere und Kinder, sie haben eine spezielle, heilsame Beziehung zueinander. Wie toll, dass diese Möglichkeit auch für die Kinder der HPS genutzt wird.

Nach zweieinhalb Stunden verabschieden wir uns – der Regen hat unterdessen aufgehört, nach wie vor strömen neue Besucher und Besucherinnen ins Haus: Die HPS ist ein gefragter Ort! Und wir genehmigen uns eine Kugel feiner Glacé beim Glacéwagen – den Temperaturen zum Trotz!

Eva Kuhn