Theater HORA

Mittwoch, 6. März 2013, 20:00 Uhr, Ort: Kurtheater Baden
 
Vor der Vorstellung
Der Saal ist zunächst halbleer. Kommen wirklich genügend Leute? Da ich mit meiner behinderten Freundin den direkten Eingang zum Theatersaal nehme, entgeht mir das Geschehen in der Eingangshalle, im Foyer. Ich hole für uns zwei ein Glas Apéro-Sekt, erlebe viele Menschen und muss mir den Sekt ergattern. – zum Schluss ist der Saal rappelvoll – welch Erfolg – für die HPS und für das Theater Hora…Zurück im Saal ein grosses Gewirr und randvolles Gedränge: Ein Stimmengewirr, man kennt sich, über Reihen hinweg.
Licht auf der Bühne, untermalt mit einem Drumton. Links und rechts sitzen die Schauspieler, schwarz gekleidet, um einen Kreis, in dem viele, viele Bücher verteilt sind. In der Mitte eine Kugel, die sich langsam bewegt. Etwas ist darin – was? Eine Figur, ein Mensch, ein Homunculus?
Meine Freundin, Deutschlehrerin am Gymnasium, und ich, wir sind gespannt: Wie wird diese Truppe dieses wortgewaltige, komplizierte Werk von Goethe – Faust 1 und noch mehr Faust 2 – auf der Bühne realisieren? Mit Menschen, die sich eher mit der Sprache eher schwer tun?
 
Begrüssung
Margrit Wahrstätter, Schulleiterin HPS Wettingen, freut sich zunächst über ein so zahlreiches Publikum. Warum das Theater HORA im Kurtheater Baden? – 50 Jahre HPS Wettingen sind der Anlass. Seit 50 Jahren bietet die HPS Wettingen Kindern und Jugendlichen ein Angebot der individuellen Förderung und Unterstützung.
Seit 20 Jahren gibt es die Theatergruppe HORA, in der Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit finden, sich im Theaterspielen auszudrücken. Seit einigen Jahren gibt es die Möglichkeit einer zweijährigen Theaterausbildung. Auch ein Schüler der HPS Wettingen ist Mitglied der heutigen Truppe, was Margrit Wahrstätter besonders freut. Er wurde bereits in einem Artikel ider Öffentlichkeit vorgestellt – man konnte nur staunen über den voll gebuchten, internationalen Tourneeplan!
 
Wer ist König?
Nun wird es dunkel im Saal, die Kugel bewegt sich immer noch, nur sie wird vom Licht umkreist. Überall sind Bücher über Bücher verstreut. Schliesslich kriecht eine Gestalt aus der Kugel, es ist der Faust in seinem grossen Zwiespalt: „Zwei Seelen, ach! In meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen.“ So wird er rundherum zitiert, dieser Faust, der alles erfahren will, das Gute wie das Böse. – Und da kommen schon die dunklen Gestalten, Symbole des Mephistoteles, des Teufels und Versuchers. Sie balancieren die Bücher, verlachen sie und lassen sie fallen. Ein Gedränge entsteht, bis schliesslich eine starke Frau die Treppe im Hintergrund hochsteigt und sagt: „ICH BIN Gott!“ und sich Kraft ihres Amtes auf dem Thron niederlässt.
 
Wo hört Faust I auf und fängt Faust II an
Das ist künstlerische Freiheit: Philemon und Baukis kommen eigentlich erst im Faust II dran. Aber hier im Theater HORA sind sie von Anfang an dabei. Als verliebtes, verspieltes Paar, das seinen Platz durch das ganze Stück behält – rechts auf der Bühne, auf einem Sofa. Und diese Liebe ist wie ein roter Faden durch die Aufführung – immer, wenn es bei Faust ganz chaotisch zu und her geht, werden die zwei eingeblendet: Philomon und Baukis geht es immer noch gut – für die Zuschauenden eine schöne Beruhigung! Und sie lieben sich so zärtlich, es ist wunderbar, dürfen wir daran teilhaben.
 
Mephisto hat Faust in den Fängen
Mephisto tritt auf in Vielzahl. Man meint den Gestank der Teufel zu riechen, so unappetitlich sind diese Gestalten, mit ihren Verrenkungen, mit dieser missstörenden Musik. Es kommt zur Wette zwischen Gott und dem Teufel: Der Mensch ist gut – der Mensch ist schlecht.
Faust folgt dem Teufel, dem Mephisto, auf der Bühne immer wieder durch unterschiedliche Gestalten realisiert. Faust fühlt sich nicht immer gut in seiner Rolle, doch niemand sonst möchte Faust sein, nicht einmal der König.
Schliesslich folgt Faust dem Mephisto in Auerbachs Keller, wo Faust seine Seele endgültig verschenkt, um ein perfekter Mensch zu sein. Eindrücklich der Tanz der Darsteller, die dieser Wende im Geschehen Ausdruck verleihen.
 
Faust und die Macht
Durch die magischen Kräfte wird Faust wieder zu einem jungen, attraktiven Mann, geil auf alle Frauen bis zur schönen Helena. Im Gritli findet er ein dankbares Opfer. Faust hat eine Affäre mit dem Gretchen – unglaublich berührend dargestellt - lässt sie fallen, geht in die Politik, wird dort hofiert, ist erfolgreich. – Der Weg von Gretchen ist nur traurig. Sie muss ins Gefängnis und weint, wie nur eine Mutter um ihr verlorenes Kind weinen kann.
Mephisto macht Faust zum Berater des Kaisers. Obwohl gähnende Leere in allen Staatskassen, verwirklicht Faust den Traum des Kaisers: Einen Karneval! Die Menschen wehren sich, es kommt zu einem Bürgerkrieg, Faust muss wiederum dem Kaiser helfen.
 
Faust will die Welt neu erschaffen
Als Dank erhält Faust ein Stück Land, das er mit Hilfe der Technik und der Wirtschaft neu gestalten will. Dämme werden gebaut, um Land trocken zu legen, die Urbevölkerung wird ausgerottet. Faust sieht sich als Sieger über die Natur, die Völker sind vertrieben Wieder eine Szene, die mit Tanz und Musik überwältigend dargestellt wird – die Unterdrückung, das Leid, das Sterben.
 
Und die Liebe siegt
Philemon und Baukis, die eigentlichen Helden des Stückes, sie haben das ganze Theaterstück durchgehalten – ein wunderbares Liebespaar! Allen Drohungen von Faust, seiner Macht und Gewalt, haben sie bisher getrotzt.
Doch auch sie müssen zum Schluss ihr Häuschen aufgeben – mit ihrem persönlichen Wunsch, der eigentlich alles sagt: Philemon möchte zu einer Eiche werden und Baukis zu einer Linde, aus deren Stamm eine Bank wird  - unter der Eiche von Philemon.
 
Ein wortgewaltiges Stück – umgesetzt mit Musik und Theater
Ein grosser Applaus gilt den Schauspielerinnen und Schauspielern, der ganzen Truppe HORA, die eine fantastische Leistung mit dieser Aufführung geleistet hat – musikalisch – schauspielerisch – choreographisch:
  • Das Wort fand am wichtigen und richtigen Ort statt,
  • die Handlung wurde erklärt durch Musik, Tanz und Ausdruck,
  • das Ensemble erfand dieses Werk neu.
  • Welcher Schauspieler, welche Schauspielerin hat eine Behinderung – je länger das Stück dauerte, desto irrelevanter war diese Frage…