Start neues Schuljahr

Dienstag, 14. August 2012, 10.00 Uhr, Ort: HPS

Eindrücke von der Chronistin Eva Kuhn

 

Start ins neue Schuljahr mit Begrüssung der neuen SchülerInnen mit Jubiläumsauftakt: Kleines Trommelkonzert von Matthias Schiesser

Ich komme an in der Pause. Kinder hüpfen, springen Seil, spielen Federball oder suchen den Schatten in den Nischen des Pausenplatzes.

In der Pausenhalle erlebe ich, wie eine Mutter ihr weinendes Kind zu beruhigen versucht – soll es neu in die HPS eintreten, doch alles ist noch beängstigend?

Die Schulleiterin lädt mich in aller Seelenruhe ein zu einem Kaffee im Lehrerzimmer. Seit einiger Zeit gilt die Regel, dass Veranstaltungen nach der Pause erst 10 ab beginnen – logisch: wo bleibt sonst die Pause für die Lehrpersonen? Im Lehrerzimmer erfahre ich, dass zehn neue SchülerInnen in die HPS eintreten sowie ganze zwölf neue Angestellte, darunter fünf PraktikantInnen. Drei Lehrpersonen sind Ersatz für Pensionierte, also gibt es vier neue Angestellte – mein Eindruck: Die HPS wächst!

Eintreffen in der Aula

Ich besuche die Aula, noch nicht belebt. Auf der Tribüne stehen diverse Trommelinstrumente und bunte Röhren, seitwärts sind grosse Blumensträusse angeordnet. Die SL Margrith Wahrstätter trägt Vasen voller Sonnenblumen herbei; diese zu beschaffen war nicht einfach, zum Schluss half nur der Griff beim Coop-Markt.

Die Pause ist vorbei, die SchülerInnen treffen nacheinander mit ihren Lehrpersonen  in der Aula ein. Für alle gibt es einen Platz – wie choreographiert fahren die auf einen Rollstuhl angewiesenen Kinder mit ihren BetreuerInnen ein, jedes an seinen geplanten Ort. Die Bestuhlung ist speziell: die farbigen Stühle stehen links und rechts sowie hinten im Saal, so dass vor der Bühne ein Raum frei bleibt. – Für wen? überlege ich mir. - Die meisten Kinder sind aufmerksam und realisieren, dass dies ein besonderer, festlicher Anlass ist. Die Jugendlichen vor mir kichern und schwatzen miteinander, folgen aber aufmerksam dem Geschehen.

Dies ist mein erster Besuch in einer heilpädagogischen Schule, bisher kannte ich die HPS nur aus der Theorie. Ich bin total beeindruckt von den Kindern, jedes als solches kostbar, und jedes auf seine Art anders bzw. „behindert“. „Behindert“ schreibe ich mit einer gewissen Scheu, denn was ist normal, wann hört dieser Zustand auf und kippt? - Ich werde darum den Begriff „besondere“ Kinder für meine Aufzeichnungen benutzen, er erscheint mir passend.

Ich bin aber auch beeindruckt von den BetreuerInnen. Sie haben sich unter die SchülerInnen gemischt, manchmal weiss man gar nicht, wer zu welcher Gruppe gehört.

Mit einem gemeinsamen Lied beginnt der Einstieg in die Veranstaltung. Eine eingängige Melodie mit bekanntem Text, der von allen kräftig gesungen wird. Es herrscht eine Atmosphäre der freudigen Erwartung.

Begrüssung

Diese gilt allen neuen und alten Kindern sowie den neuen Lehrpersonen.  Die Begrüssung der neuen Kinder ist wunderschön: Jedes Kind erhält eine Sonnenblume und wird mit Beifall begrüsst. Der Reihe nach ruft Madlen die Kinder auf, doch bei Elias ist sie nicht schnell genug: Er weiss, dass er der erste ist.  Einige Kinder sind noch nicht anwesend, an ihrer Stelle übernimmt eine Lehrperson die Sonnenblume. Auch alle neuen Lehrpersonen werden begrüsst und zeigen sich den Kindern; für sie gibt es keine Sonnenblume. In einfachen Worten erklärt Patricia, was es mit diesem besonderen Jahr auf sich hat: 50jähriges Jubiläum HPS Wettingen. Das ganze Jahr soll ein besonderes werden für SchülerInnen wie Lehrpersonen, und heute fängt dieses Jahr an mit einem Trommelevent von Mathias Schiesser.

Die sprechende Trommel

Mathias Schiesser springt von der Bühne, unter dem Arm eingeklemmt eine Trommel. Mit einer Art Haken schlägt er einen Rhythmus: Daada dadada! Er wiederholt den Rhythmus auf unterschiedlicher Tonhöhe, variiert das Tempo – und hat die Kinder bereits gefangen! Voller Spannung folgen sie den Trommelwirbeln, und als Matthias dazu skandiert: Grüezi mitenand! wissen  sie: Der da vorn will uns begrüssen – also antworten wir mit Grüezi mitenand! Ein spannender Dialog zwischen Trommelwirbeln und Kindern entsteht.

Dieses spezielle Instrument nennt Mathias die sprechende Trommel – den Beweis hat er eben erbracht. Weitere starke Rhythmen folgen, zu denen sich die Kinder im Takt bewegen und mit klatschen. Zappelige Kinder können ihren Bewegungsdrang in den Rhythmus eingeben, die Kinder im Rollstuhl werden liebevoll von ihren BegleiterInnen geführt und angefeuert.

Der Boden scheint zu schwingen

Als nächstes Instrument kommt das Drahon an die Reihe, eine Art Holzkiste mit einem kreisrunden Loch auf einer Seite. Ist da jemand drin? fragt Matthias die Trommel, und die Kinder begreifen den Scherz sofort.

Das Dschembe ist den Kindern vertraut, die klassische Trommel in Urwaldgeschichten. Sie kann ganz laut, aber auch ganz leise schwingen, ihre Klänge reichen von den höchsten zu den tiefsten Tönen. Ein Dialog zwischen Trommel – Klatschen – Trommeln kommt in Gang, der Rhythmus erfasst Kinder wie Erwachsene, es wird immer lauter und schneller – der Boden scheint zu schwingen. Ein begeistertes Klatschen erschallt.

Der Tanz mit dem Finger

Mit zwei Kongas führt Matthias zu komplizierteren Rhythmen. Er fordert die Kinder auf zu tanzen – die Teenager vor mir fangen an zu kichern; dem dunklen Jugendlichen zuckt es schon längstens in allen Gliedern – aber tanzen vor der ganzen Versammlung? Das wäre doch zu genierlich! Und dann beendet Mathias den Satz: Wir wollen mit einem Finger tanzen! Das kann man ja auch etwas verborgen tun, so dass auch die Stillen und Schüchternen im Boot sind. Dann folgt ein Tanz mit beiden Händen, nur mit dem Kopf oder den Schultern – grosses Gelächter erschallt über die komischen Verrenkungen. Während sich die jüngeren Kinder in ihre eigenen Bewegungen hinein geben, beobachten die Älteren genau, wie ihre Betreuungspersonen sich aufführen.

Jede Farbe ein Ton

Mathias möchte, dass alle zusammen musizieren. Dafür verteilen die Lehrpersonen Boom Whackers, farbige Stäbe in verschiedenen Längen. Diese Klangstäbe sollen die SchülerInnen während des ganzen Jahres begleiten. Rot, Grün, Orange, Blau, Gelb – jede Farbe steht für einen eigenen Ton. Wenn man die Stäbe zwischen Oberschenkel und Handfläche hin und her wirbelt, entsteht der Ton. Die meisten Kinder wissen schnell damit umzugehen, andere erhalten Unterstützung. Verschiedene Resonanzkörper werden ausprobiert – die Hand, der Kopf, der Fussboden. Konzentration pur entsteht, man hört kaum ein anderes Geräusch als das der Klangstäbe. Per Zeichen führt Mathias die Kinder die Tonleiter hinauf und herunter, erzeugt Akkorde, die in einem vielstimmigen Wirbel gipfeln. Eine kleine Gruppe von Schülern entdeckt einen eigenen Rhythmus, überträgt ihn auf die ganze Gemeinschaft – alles ist Klang und Rhythmus!

Mit pantomimischen Signalen führt Mathias zum Schlusswirbel – begeisterter Beifall ertönt. Ein gross gewachsener Schüler – wohl grösser als der Künstler selber - stürmt nach vorn und klopft Mathias auf die Schulter: Das war toll, was du uns gezeigt hast! Andere Schüler haben noch Fragen, möchten dass er bleibt – verstehen, dass Mathias nach Hause muss zu seinem eigenen Bub, der zum Mittagessen nach Hause kommt.

Drum-Circle

Viermal im kommenden Schuljahr werden die Klassen mit Mathias Schiesser im Drum-Circle arbeiten. Die Einführung war verheissungsvoll und haben mir gezeigt, dass Rhythmus und Bewegung elementare Bedürfnisse sind und viel Freude und Glück erzeugen können – bei diesen besonderen Kindern wohl noch mehr als bei den sogenannten normalen. Ich freue mich, als Chronistin dabei sein zu dürfen.