Linard Bardill

Donnerstag, 8. November 2012, 19.30 Uhr (Türöffnung und Bar ab 18.45 Uhr), Ort: HPS
 
Linard Bardill in Wettingen
Mit Freude und Stolz begrüsst Margrit Wahrstätter ihn, Linard Bardill, aus seiner Bündner Heimat in den Ostaargau gekommen. Und da steht er auch schon auf der Bühne: Ein grosser Mann, gekleidet in ein schlichtes weisses Hemd, der wirre Krauskopf unterdessen grau, in der Hand seine Gitarre. Er sei als Musiker, Vater, Familienmensch gekommen, hat Margrit gesagt. – und als Philosoph. Denn sein erstes Lied handelt vom Ursprung der Welt und der Menschen, von einem Gott, der hinter der Tinte verblasst, bis nur noch das Weh, die Sehnsucht der Menschen bleibt. Wohin will uns der Sänger nur führen?
 
Zum kleinen Buddha
Das ist die eigentliche Hauptfigur des Abends, sein Sohn mit einem Down-Syndrom. Mit dem ersten Text lernen wir ihn kennen: Der kleine Buddha will in die Ferien, im Flugzeug zusammen mit Gregor, dem grünen Krokodil, mit Mama und Papa. ‚Aber‘ es dauert noch zwei Wochen. Aber ist ein Wort, das der kleinen Buddha nicht versteht, denn er lebt im Hier und Jetzt, „Einfach der Nase nach“, wie es Linard Bardill im nächsten Lied besingt.
Linard Bardill nimmt uns mit auf den Weg mit dem kleinen Buddha. Vor dem Haus steht ein grosser Brunnen. Es ist nicht möglich, an diesem Brunnen vorbeizugehen, ohne dass der kleine Buddha auf den Rand klettert, die Hand unter den Wasserstrahl hält – und einen Regenbogen erhält. Diese Zeit muss man einberechnen, wenn man mit dem kleinen Buddha unterwegs ist.
„Auf Romantsch sagt man Tschapatalpi zu einem minderbemittelten Menschen.“ Das Wort bedeutet Maulwurfsfangen. Der Vater ist mit dem kleinen Buddha und der Schwester unterwegs, sie entdecken Maulwurfshügel. Der kleine Buddha weiss sofort was tun – sich in die Erde hinein wühlen. Welch sinnliche Erfahrung für Frühling, für Leben.
 
Daheim in Scharans
Daheim in Scharans – Lionard Bardill widmet seinem Heimatort im Domleschg ein spezielles Lied: Was gehört zum Daheimsein? – Heimat, wo man viel zu verlieren hat, wo es trotz Firlefanz und Affetanz es eine gemischte Gesellschaft gibt – ich komme wieder heim nach Scharans, Scharans im Sternenglanz.
 
Als der kleine Buddha auf die Welt kam
„Wir waren schwanger, wollten alles gut machen, im November vor neun Jahren. Es gab ein Indianerfeuer vor Freude. – Dann die Botschaft der Hebamme: Es ist ein Kind mit Down-Syndrom, das sehe sie an den Handlinien. – Down bedeutet nach unten. Heute nach neun Jahren dürfen wir sagen: Unser kleiner Buddha war und ist ein grosses, ein grösstes Geschenk.“ Und das wunderbare Lied vom „Regenbogen-Buddha-Blues“ erklingt, unterdessen unterstützt von Bruno mit seinem Kontrabass: „Wenn mein kleiner Buddha den Regenbogen anschaut, läuft die Arbeit sicher nicht davon“. Denn der Regenbogen ist das Wichtigste.
 
Weisheiten und Fragen in einer Familie
Nachtessen, miese Stimmung, nichts ist gut. Dann die kleine Schwester mit ihrem hellen Stimmchen: „Akradabra Salambra Simsalabim!“
Was soll das? Fragen wir uns Erwachsene. „Ich bin Zauberin, alles fängt von vorne an!“
Wir alle sind vom Zauber gefangen.
Also Drehbuch von vorn: Mutter ruft: „Ässe cho!“ Die Familie erscheint, setzt sich zu Tisch, und alles passiert in voller Harmonie. Bis der kleine Buddha erneut in die Küche saust und ruft: „Simsibim“…
Das nächste Lied ist der kleinen Schwester gewidmet:
Warum? Warum bin ich da? Warum haben Papa und Mama mich gern? – Weil wir dich gern haben.
Warum Grossmami, bin ich da? - Du wolltest auf die Welt kommen, um solche Fragen zu stellen.
Warum  Grosspapi bin ich da? - Damit man Fragen stellen kann.
So wichtige Fragen und die Antworten? War die kleine Schwester nun zufrieden? Denn Kinder können immer weiter fragen.
 
Liebeslied an den Ältesten
Linard Bardill hat fünf Kinder. Der Älteste – er hielt es nicht mehr aus Daheim, wollte sich ablösen, ging in die Revolution, in eine WG. Das ist aber ein grosser Schmerz für den Vater – wohin mein Kind, was willst du, was tust du?
Die Sehnsucht nach seinem Kind bringt Linard Bardill in einem Lied zum Ausdruck: ‚Liebeslied an ein Kind, das keines mehr ist‘ – zum Glück auf Romantsch. Sonst wären wohl noch mehr Tränen im Publikum geflossen. Der Vater sang es dem Sohn am Telefon vor – das Ende ein Tränenmeer. - Weiterhin begleitet Bruno mit seinem Kontrabass auch stimmlich. Bruno ist ein alter Freund und Bündner.
 
Wie funktioniert unser Denken?
Linard Bardill scheut sich nicht vor Tatsachen: Mit der Akzeptanz eines pränatalen Tests zur Trisomie werden Eltern davon abgehalten, ein solches Kind zu empfangen.
Tatsache ist: 95 % der Eltern mit einer solchen Diagnose entscheiden sich für eine Abtreibung. – Auf seine Kolumnen über den kleinen Buddha erhält er wiederum sackweise Reaktionen über diesen Herzensbrecher, den Sonnenschein aber auch die Nervensäge. Sein Statement: Was man verpasst mit einer solchen Entscheidung – das sind sackweise Geschichten und die Möglichkeit, die Welt aus einem andern Blickwinkel zu erleben
Und folgerichtig der nächste Text: Nicht das Kind ist behindert, sondern unser Denken über das, was man vermeintlich so genau weiss. „Das habe ich von dem kleinen Buddha gelernt.“ Diese Kinder – sie haben ja sogar ein Chromosom mehr als wir – das kann doch kein Zufall für die Welt sein?
 
Der kleine Buddha und das Meer
Nun ist er tatsächlich dort angelangt, mit seinem grünen Krokodil, verschiedenen Wahlgenossen und vor allem der Wahlgrossmutter. „Man kann nur werden, was man ist“, sagt die Wahlgrossmutter, die es wissen muss. Schliesslich hat sie schon einige Lenze gesehen und ist schon einiges geworden, denn der kleine Buddha ist wählerisch. Er entscheidet sich immer für das Beste: Wellen, Fisch und Sonnenstrahlen.
 
Wenn i gang
Mit seinem Lied ‚Wenn i gang‘ verabschiedet sich Linard Bardill von seinem Publikum, das für die Innigkeit, Intensitiät und Lebendigkeit diese Abends nicht genug danken kann. ‚Wenn i gang, dann nehme ich mit in meinen Rucksack – das Rauschen der Bäume, den Gesang der Vögel, das Lachen von meinem kleinen Bub, den Glanz seiner Augen und den Wind über die Hügel – wenn i gang.‘ – Ein wunderbarer Abschied und ein grosser Dank an Linard Bardill für diesen wunderbar poetischen, nachdenklichen und kraftvollen Abend – über den Sinn des Lebens.